K E I N E  BITTSTELLER UND  K E I N E  GÖNNER BEI DER FRIESOYTHER TAFEL

 

Rollentausch: Aushilfe bei der Friesoyther Tafel – Herzliche Atmosphäre

 

NWZ (Nordwest Zeitung) -Redakteur Carsten Bickschlag half bei der Lebensmittelausgabe. 550 Menschen sind auf die Waren angewiesen.

von Carsten Bickschlag


Friesoythe - Eine halbe Stunde vor Beginn der Lebensmittelausgabe biege ich am Freitagmorgen mit dem Rad auf das Gelände der Friesoyther Tafel am Scheefenkamp. Pünktlich genug, denke ich. Doch die Schlange vor der Tür ist schon mehrere Meter lang und wird immer länger. Die Leute warten darauf, dass um 9.30 Uhr die Tür der Carla aufgeht. Carla, das ist die Abkürzung für „Caritas Lebensmittelausgabe der Gemeindecaritas im Dekanat Friesoythe“. Und die Lebensmittelausgabe ist für einige Stunden mein neuer Arbeitsplatz.

Kurz vor dem Start ist die Warteschlange enorm gewachsen. Jung und Alt, Einzelpersonen und Familien, Deutsche und Ausländer – die mit leeren Taschen und Körben bestückte Gruppe ist bunt gemischt. Meine erste Station an diesem Vormittag ist die Kasse. Dort sitzt Maria Focken. Sie ist eine von rund 200 ehrenamtlichen Helfern, die die Ausgabestellen in Friesoythe, Barßel, Bösel und Garrel unterstützen. Eine Kasse deshalb, weil das Abholen der Lebensmittel für die Kunden, die übrigens ihre Bedürftigkeit nachweisen müssen,  N I C H T  umsonst ist.

J E D E R  Erwachsene zahlt einen Euro, für  J E D E S  Kind müssen 50 Cent gezahlt werden“, sagt Focken.


N I C H T  bloß Nummern

 

Erst wenn bezahlt wird, gibt es eine Nummer, auf der notiert ist, für wie viele Personen Lebensmittel abgeholt werden dürfen. Nach kurzer Beobachtung ist klar, dass die Kunden bei der Friesoyther Tafel aber  K E I N E S W E G S  bloß Nummern sind. Im Gegenteil: Die Mitarbeiter der Carla haben für die Leute  I M M E R  ein offenes Ohr, sind Seelentröster und Zuhörer.

Gleich neben der Kasse werden die ersten Lebensmittel verteilt. Dort darf ich das erste Mal mithelfen. Bernd Blome – einst Ein-Euro-Jobber und jetzt Ehrenamtlicher – reicht mir vorgepackte Kisten. Die Vielfalt ist groß. Ich packe Wurst, Käse, Joghurts und Tee in die Tüten der Kunden, die sich freundlich bedanken und zur nächsten Station gehen. Dort gibt es heute zusätzlich Salate und Frikadellen.

Nach einer Weile wandere ich weiter zur Brot-Ausgabestelle. Die Regale sind prall gefüllt. Das wird sich im Laufe des Vormittags aber ändern. Die freiwilligen Helferinnen Alwine Kurre und Elisabeth Meyer haben alle Hände voll zu tun, sind dabei aber gut gelaunt und halten mit den Kunden auch mal ein kleines Schwätzchen. „Im Laufe der Zeit kennt man sich eben“, sagt Meyer.

Ich packe einer älteren grauhaarigen Frau ein Graubrot in den Korb. „Noch ein Toastbrot?“, frage ich. „Nein danke, das ist zu viel. Ich nehme nur das, was ich auch aufkriegen kann“, sagt die nette Dame. Ein Herr nach ihr ist da von ganz anderer Art. Er nimmt, was er kriegen kann.

Nachdenklich werde ich, als man mir von einem Kunden erzählt, der 16 Kinder hat und erst kürzlich seine Arbeit verloren hat. Das macht betroffen und man wünscht dem Vater, dass er schnell wieder Arbeit findet.

 

Die letzte Station für mich ist die Ausgabe von frischen Waren: Kartoffeln, Champignons, Zwiebeln, Salat. Bärbel Miersch und Jochen Achatz sind kräftig bei der Arbeit. Beide gehören zum großen Team der Ehrenamtlichen. „Wir sind eine super Mannschaft und ich mache diese Arbeit sehr gerne“, sagt Achatz und kippt einen Eimer voll Kartoffeln in eine Tüte.


Auf Augenhöhe

 

Nach zwei Stunden schließt die Essensausgabe. Verteilt wurden Waren für insgesamt 303 Erwachsene und 245 Kinder. Ob das ausreicht? Vielleicht. Sicher ist aber, dass die Lebensmittel vielen bedürftigen Personen eine große Hilfe sind. Die Arbeit bei der Friesoyther Tafel macht deshalb großen Spaß. Trotz des ernsten Hintergrunds – schließlich sind rund 550 Menschen im Friesoyther Stadtgebiet auf die Hilfe der Tafel angewiesen – fällt mir bei der Carla eines ganz besonders auf: Es gibt keine kleinen Bittsteller und keine großen Gönner. Kunden und Helfer begegnen sich auf sehr herzliche Art und auf Augenhöhe. Eine tolle Erfahrung. (Quelle: Nordwest Zeitung - 21.4.12)

Wolfs Infohomepage 0